“Tue das, was Du nicht kannst"

Von London über Zürich nach Norderney und Münster: Im Interview mit stadt4.0 sprach Gary über seinen Werdegang und die Entstehung seines Schuhlabels Pomp®.

stadt4.0: Gary, magst Du ein wenig von Deinem Werdegang erzählen und wie es zu Pomp® gekommen ist?

Gary: Also, seit 2016 sind wir mit Pomp® in Münster. Unser erstes Geschäft haben wir 2007 auf der Insel Norderney aufgemacht. Als wir unser Label: „Pomp®“ gefunden hatten, wussten wir nach einiger Zeit, dass wir von der Insel aufs Festland müssen. Für Münster haben wir uns entschieden, als sich herausstellte, dass viele unserer Kunden aus dem Münsterland kommen. Für uns bedeutete das einen gewissen Wiedererkennungswert. Pomp® hatte man dort schon mal gehört – und sei es durch Besuche auf Norderney.

stadt4.0: Gary, wann und womit hat Deine Leidenschaft für Schuhe angefangen?

Gary: Ich bin sehr jung – mit 15 Jahren – mit meinem Vater nach London in ein jüdisches, recht wohlhabendes Viertel gekommen. Als mein Vater nach einigen Monaten zurück nach Spanien wollte, habe ich beschlossen, in London zu bleiben. Mein Vater stellte die Bedingung, dass ich eine Unterkunft und einen Job haben muss. Also, habe ich nach einem Job gesucht und eine Stelle bei Bally gefunden, die eine kleine Anzeige im Schaufenster hatten: „Salesperson wanted“.

In England ist es etwas anders als in Deutschland: Du wirst nicht zuerst nach Zeugnissen gefragt, sondern es wird geschaut, ob Du den Job machen kannst. Und ich lebe nach dem Motto: tue das, was Du nicht kannst! Also, ich habe die Chance genutzt – habe mir ein ordentliches Hemd und eine Hose geliehen und den Job angenommen und bin Schuhverkäufer geworden. Das war mein erster Kontakt mit Schuhen – in einer Bally-Boutique.

Zwischendurch war ich dann in Spanien, ehe es mich wieder nach London verschlug. Auch dieses Mal bin ich durch die Stadt gelaufen und habe geschaut, was mich interessiert und habe eine Cocktailbar mit Restaurant gefunden. Ich habe gefragt, ob ich dort anfangen kann und sie fragten: kannst Du kellnern? Und getreu meinem Motto: „tue das, was Du nicht kannst“, habe ich angefangen, obwohl ich keine Ahnung davon hatte. Später, weil ich einen guten Blick für mögliche Verbesserungen habe, habe ich das Restaurant dann geleitet.

Dann habe ich eine Frau kennengelernt, eine Schweiz/Italienerin und bin mit ihr nach Zürich gegangen. Und dann habe ich Bally besucht in der 7. Etage – in Zürich ist die Zentrale – und sie haben mich gefragt, was ich möchte. „Schuhe verkaufen“ habe ich geantwortet und dort angefangen. Kurze Zeit später war ich Etagenleiter bei Bally.

Kurz nach meiner Scheidung wollte ich eigentlich nach Japan – meinem Motto getreu: tu das, was du nicht kannst – ich spreche kein Japanisch, kenne dort keine Person etc. Aber dazu ist es nicht gekommen. Was geblieben ist, ist meine Vorliebe für japanische Musik. Diese Liebe besteht seit ich 15 Jahre alt war. Alle meine Freunde hörten Queen und andere englische Popstars. Ich saß gespannt am Radio und wartete bis der Sprecher den Namen des japanischen Künstlers nannte. Geblieben bis heute ist die Vorliebe für alles Japanische: meine Socken sind z. B. aus Japan, alle meine Klamotten haben japanische Labels usw.

stadt4.0: Und wie hat es Dich auf die Insel Norderney verschlagen?

Gary: Also, ich habe mich letztendlich entschieden, meine Mama in Schottland zu besuchen und wollte eigentlich da bleiben. Aber der Ort war zu klein für mich. Da habe ich zwei Personen aus Norderney kennengelernt, die mir einen Job dort angeboten haben. Ich wurde gefragt, ob ich in einem Surfladen helfen könnte. Das habe ich dann gemacht. Danach habe ich in einem anderen Surfladen gejobbt und ihn nach vorne gebracht und so weiter.

Meine Frau habe ich auch auf Norderney kennengelernt. Sie erwartete dann nach sechs Monaten unsere Zwillinge und das wurde eine richtige schwierige Challenge. Da kannst Du dann nicht mehr weggehen oder einfach sagen: „Komm, mache etwas, was du nicht kannst. Diese Strategie kannst du nicht einfach übernehmen. Es ist zu kompliziert – da bleibst du dann. Wir sind auf der Insel ein paar Jahre nach der Geburt geblieben und dann haben mich viele Leute gefragt: „Gary, Du bringst all diese Geschäfte nach vorne und hast so viel Erfolg, warum machst Du nicht Dein eigenes Geschäft auf?“ Dann habe ich mir gedacht – einen eigenen Schuhladen aufmachen?

Ganz ehrlich – also Traum und kein Traum – du musst realistische Entscheidungen treffen, und Du musst in der Realität unbedingt bleiben. Träumen ist gut, aber nur kurz. Dann fängst du an und Du weißt, dass das von Finanzen abhängig ist, von Menschen, von Dir selbst und Deinen Beziehungen etc. Und meine Realität in dem Moment war: Ich wusste, wie man arbeitet, ich wollte selbständig sein, und ich wollte auf alle Fälle in den Textil– oder Schuhbereich.

Klar war mir von Anfang an, dass ich keinen Laden mit Umkleidekabinen machen kann – zu viel Personal und zu wenig spontane Kundschaft, die sofort etwas anprobieren will. Dazu kam die Erkenntnis, dass in der Hochsaison jeder Geld machen kann. Ich muss jedoch auch über die ganze Zeit des Jahres Umsatz machen – da fallen dann viele Artikel weg. Meine Zwillinge waren mittlerweile auch älter, und ich musste Geld verdienen. Also habe ich mich entschieden einen Schuhladen aufzumachen.

stadt4.0: Woher hast du das erste Kapital genommen?
Gary: Ich konnte Geld nur von der Bank bekommen und hatte viel Glück. Ich musste einen Businessplan machen, aber mir war zugleich klar, dass der Laden nicht funktionieren konnte, wenn ich einen normalen Schuhladen mache. Ich wusste, drei Mitarbeiter sind zu viel. Ich habe eine Liste gemacht mit möglichen Fragen, die die Kunden stellen könnten und ein Konzept entwickelt – aus meiner Erfahrung bei Bally. Viel von dem Laden kommt aus meiner Menschenkenntnis, vom Common Sense.
So wusste ich zum Beispiel, dass Kunden in Deutschland nicht nebeneinander sitzen möchten. Sie freuen sie sich, wenn sie eigene Einkaufserlebnisse haben. Für sie habe ich dann diese Sofas aus Italien gefunden, wo keiner nebeneinander sitzt.

Dann hast du auch noch die Schuhkartons auf dem Boden. Ich wollte keine Schuhkartons. Ich wollte nur die Schuhe. Ich wusste, dass die Schuhkartons schlecht sind – Kartonpapier. Und: die Kunden wollen die Schuhe selber finden. Kein Kunde muss dieses Gefühl erleben, den Verkäufer zu fragen, bringe mir noch zwei Größen, noch zwei Paare und dann wartet der Verkäufer, bis du dich entscheidest. Ich wollte diese ganze Sache bei mir nicht.

Das ist, was ich mir vorstellte und dann kam ich zum zweiten Schritt: Ich habe dann Labels gesucht, wo mein Bauchgefühl mir sagte, die sind gut. Ich habe die nach Deutschland geliefert und war der erste auf der Insel mit solchen Labels. Aber, ich hatte ein Problem – ich hatte kein Ladenlokal… Das Risiko musste ich jedoch eingehen und wieder meinem Motto folgen – mache das, was du nicht kannst. Und so war ich zuerst im ersten Stock eines Gebäudes – nix war fertig. Es musste viel gebaut werden, aber zum Glück liegt das jetzt hinter uns.

stadt4.0: Wie siehst Du die Zukunft von Pomp®? Seid Ihr auf Expansionskurs?
Gary: Lass mich das etwas ausführlicher darstellen: Es gibt sicherlich viele Menschen mit viel Geld. Aber ich habe festgestellt, dass es nicht so wichtig ist, viele Kunden zu haben. Unsere Kunden geben im Schnitt für ein Paar Schuhe um die 200 € aus. Dafür musst du ihnen auch etwas anbieten. Unsere Schuhe haben eine geringe Auflage bis maximal 100 Stück pro Modell. D.h. wenn eine Größe verkauft ist, gibt es keine Möglichkeit der Nachbestellung. Dafür kaufen sie aber auch einzigartige Schuhe.

Unsere Schuhe werden übrigens nur in Familienbetrieben in Portugal und Italien produziert Und jeden Monat kommen neue Modelle auf den Markt. Das erfahren unsere Kunden über unseren Newsletter. Was ich sagen will, ist: Wir haben unsere DNA gefunden. Keine speziellen Schuhe für Norderney oder Münster, keinen Sale und keine Vermarktung über Boutiquen. Unsere Schuhe gibt es nur bei Pomp® zu kaufen. Unsere Schuhe haben eine supergute Qualität. Irgendwann werden wir maximal sechs Geschäfte, einen Online-Shop und 12 Mitarbeiter haben. Thats enough! Sonst gibt es eine Implosion in der Firma.

Unsere Leute arbeiten gerne hier und jeder von ihnen geht ab Herbst 2018 im Wechsel für eine Woche nach Norderney. Alle Mitarbeiter sollen einen Bezug zu unseren Schuhen bekommen, das Leder/die Textilien erfassen und kreativ tätig werden.

stadt4.0: Unsere letzte Frage an Dich, Gary: Kannst Du bitte drei Dinge nennen, auf die Du Dich freust, wenn Du nach Münster kommst?
Gary (sehr spontan): Also erstens freue ich mich auf „Sonntags zu“! Anders als auf Norderney bleiben die Geschäfte in Münster ja an Sonn- und Feiertagen geschlossen. Zweitens: Mir gefallen die Menschen in Münster, sie sind ruhig. Manchmal scheint es mir, als ob sie durch die Stadt schweben und sich wie Peter Pan im Film verhalten und sehen so aus, als ob sie sich im Himmel bewegen. Drittens: Mir gefallen die Promenade und das Wasser, also der Aasee. Ist so schön – ein See in der Mitte der Stadt.

stadt4.0: Natürlich interessiert uns jetzt, was begeistert Dich an Norderney – magst Du ebenfalls drei Dinge nennen?
Gary:
Also erstens lebt meine Familie dort, meine Lebenspartnerin mit ihren beiden Söhnen und meine beiden Töchter mit mir – eine richtige Patchwork-Familie. Zweitens gefällt mir, dass auf Norderney nichts passiert. Deshalb kommen die Menschen ja dorthin, um loszulassen und sich zu erholen. Drittens und mit dem gerade Gesagten verbunden: die Menschen haben Zeit. Auf Norderney kannst Du nicht so viel tun wie in Münster zum Beispiel. In unseren Shop auf Norderney kommen die Kunden zwei- oder dreimal in der Woche.

stadt4.0: Herzlichen Dank, lieber Gary für Deine Zeit, die du Dir für dieses Interview mit uns genommen hast. Du hast uns nicht nur hinter die Kulissen von Pomp® schauen lassen, sondern uns auch teilhaben lassen an Deinen persönlichen Erfahrungen in Deinem Leben. Wir wünschen Dir und Deinen Mitarbeitern weiterhin viel Erfolg!

Text und Foto: veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von stadt4.0.

Das komplette Interview findest Du hier:
Interview | Teil 1
Interview | Teil 2

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